Buchtipp: Bauchgefühle – Mein Körper und sein wahres Gewicht

 

Susann Sizler: Bauchgefühle – Mein Körper und sein wahres Gewicht, 187 Seiten, Verlag C.H.Beck 2011. 12,95 Euro.

 

Nein, endlich kein weiteres Abnehmbuch mit irgendwelchen Superdiäten. Auch kein neunmalgscheiter Figurratgeber mit Übungen, die man schon gar nicht erst anfängt. Autorin Susann Sitzler (Kleidergröße 44) schreibt sich ihren von Frust und Leid geprägten Erfahrungsschatz von der Seele, den sie im lebenslangen Kampf gegen wuchernde Pfunde gesammelt hat. „Ja ich könnte dünner werden, sogar schlank, aber ich tue es nicht!“, stellt sie am Ende befreit fest, „fast alle Dicke tun es nicht. Dicke werden nicht wirklich dünn.“ Über viele Dekaden leidgeprüft, erkennt die Autorin, dass Schlanksein bei vielen Menschen ein Kampf gegen sich selbst ist, der langfristig immer zum Scheitern verdammt sei. „Es gibt dünne und dicke Menschen!“ Jeder habe ein ideales Eigengewicht bzw. eine Kleidergröße, die zu ihm passt, die irgendwo zwischen Frauengröße 38 und 46 angesiedelt ist. Das Ziel heiße nicht, um jeden Preis schlank zu werden, sondern diese individuelle Wohlfühlgröße zu erkennen und sich damit gut fühlen zu lernen. Letzteres sei allerdings das schwierigste in einer Gesellschaft, „die Magermodels nur wenige Kilos vor dem Hungertod zum Ideal stilisiere“.

 

Rückenstärkung für Mollige

Die guten Argumente der Autorin sind Wasser auf die Mühlen der ewig mit ihren Pfunden Hadernden. Endlich mal jemand, der ihnen den Rücken stärkt, wo sie doch sonst ihr angeblich „eigenes Versagen“ beim Blick in Spiegel täglich vorgeführt bekommen. Warum können die einen essen, was sie wollen, ohne ein Gramm zuzulegen, bei den anderen legt sich schon eine kleine Eisportion um die Hüften, fragt Sitzler. Die mit dem schnellen Stoffwechsel verbrennen eben die Kalorien einfach besser, als diejenigen, die sozusagen genetisch dazu veranlagt sind, Fettreserven für schlechtere Zeiten anzulegen, das ist längst wissenschaftlich belegt. Letztere könnten sich noch so anstrengen, jede überschüssige Kalorie werde sofort ins Fettspardöschen weggepackt. Damit hätten sie zwar in mageren Zeiten die besseren Überlebenschancen, aber in heutigen Zeiten kontraproduktiv, „wo kalorienreiche Genussversprechen einen in jedem Supermarktregal auflauern, und Stress und Frust mit Marsriegeln und Schokolade weggebissen werden können!

 

Bitte keine guten Ratschläge!

Das größte Problem bereiteten den Dicken die angeblich wohlmeinenden Rat- und Diätvorschläge, die sie ausgrenzten und nicht selten auch verletzten. „Sie erzeugen Gefühle des Versagens. „Menschen mit „Übergewicht“ brauchen keine Ratschläge, wie man schlanker wird, sondern Akzeptanz und Zugehörigkeitsgefühl statt Ausgrenzung: „Ich bin eine von Euch, auch wenn ich unvollkommen bin und nicht dem Idealgewicht entspreche – ich bin dennoch ok!“ Diese Haltung – „Ich bin ok, so wie ich bin“ – gelte es zu lernen – von den Betroffenen, aber noch viel mehr von den Schlanken, den Besserwissern, Pädagogen, Medizinern und den Medien.

 

Aussteigen aus dem Kreislauf von Hungern, Selbstqual und Scheitern

Das Besondere an Suzanne Sitzlers „Bauchgefühlen“ ist, dass sie aufdeckt und entlarvt, wie tief jeder Einzelne und unsere ganze Gesellschaft schon gefangen ist in einem absurden Diät- und Gesundheitswahn. Mit unzähligen Beispielen legt sie dar, warum das Dauer-Diät-Diktat letztlich in Dauer-Frust endet und enden muss. Als Lösung rät sie, sich mit seiner Figur bzw. seinem Gewicht und seiner aktuellen Kleidergröße zu arrangieren und alle Anstrengungen darauf zu richten, sich in dieser gefunden Kleidergröße wohl zu fühlen. Also nicht schlank oder Größe 36 erreichen wollen, wenn es der eigene Typ gar nicht hergibt! Aufhören ewig mit sich im Clinch zu sein! Aussteigen aus dem selbstzerstörerischen Kreislauf von Hungern, Selbstqual und Scheitern. Stattdessen empfiehlt Sitzler, zu lernen, sich in der eigenen Haut wohl zu fühlen und sich in seiner Unvollkommenheit einfach anzunehmen. „Ich habe aufgehört, meinen Körper zu bekämpfen; ich will nicht mehr Teil dieses Wahnsinns sein.“ Letztlich seien die innere Zufriedenheit und der Einklang mit sich selbst der Gesundheit förderlicher als ein paar Kilos zu viel auf der Waage. Und zu guter Letzt lenkt Sizler auch noch den Blick auf die gigantische Industrie weltweit, die mit dem Schlankheits- und Gesundheitswahn und durch die Unzufriedenheit von Millionen Frauen mit ihrer Figur äußerst gute Geschäfte macht. „Wieso sollte also jemand wirkliches Interesse daran haben, dass wir auf Dauer schlanker werden?“

 

Pflichtlektüre für Eltern, Lehrer, Ärzte und alle Erziehenden

„Bauchgefühle“ müsste Pflichtlektüre werden für alle Eltern, Erzieher, Lehrer, Ärzte, Gesundheitspolitiker. Denn sie legen in verkanntem Gesundheitsauftrag oft unbewusst den Grundstein für lebenslangen Frust bei den Dicken, so dass diese ihren schützenden Panzer erst Recht brauchten. Fast jeder gute Rat wirkt bei den Dicken wie eine Ohrfeige. Auch die Rezensentin (Größe 46) ist in dieser Hinsicht leidgeprüft. Sie meinen es eigentlich gut, aber merken gar nicht, wie sehr sie selbst schon im System „Schlank um jeden Preis“ gefangen sind, und wie sehr sie ihre eigenen Ängste auf die Dicken projizieren. Und die Dicken – Ihnen kann das Buch helfen, mit ihrem Körper Freundschaft zu schließen und mehr Selbstbewusstsein zu entwickeln.

(c) TEXT: Heide-Ilka Weber