Über meine unstillbare Leidenschaft und ein Blick in die jüngere Geschichte des Reisens

Zuerst war das Reisen

Meine unbändige Entdeckerlust hat mich schon zu Kindergartenzeiten angetrieben, selbigen zu schwänzen und lieber durch die Wälder  in Freiburg zu streifen.  Mit sieben Jahren, habe ich das sonntägliche Kinogeld lieber für eine Fahrt mit der Schauinslandbahn hinauf auf den 1284 m hohen Hausberg von Freiburg ausgegeben. Runter zu Fuß würde ich das schon schaffen (!) – ja in sieben Stunden querfeldein. Abends um 9 Uhr war ich zu Hause, die Mutter aufgelöst und ich zugegeben etwas erschöpft. Später in meiner Lehrzeit hab ich an den Wochenenden an einer Tankstelle gearbeitet, damit ich mit den Bahnfreifahrten für die Familie (Vater Eisenbahner) nach Wien und anderswohin reisen konnte. Tourismus oder günstige Verkehrsmittel für Jugendliche waren noch unbekannt, geschweige denn Flüge und schon gar keine Billigflüge. Für preiswerte Übernachtungen gab’s lediglich Jugendherbergen. Um sich vorab über das Reiseziel zu informieren gab es so gut wie keine Reiseführer, Internet war noch in weiter weiter Ferne.

Nach dem Abitur im Abendgymnasium Ende der 1960er-Jahre hab ich dann ein Jahr als Bus-Stewardess bei der Deutschen Touring gearbeitet – vor allem auf der Route München-Istanbul. Von einigen Fahrgästen eingeladen, führte mich meine erste außereuropäische Reise mit dem Bus über schwindelerregende Bergstraßen Anatoliens im Februar 1969 nach Teheran und durch Persien nach Isfahan und Schiraz. Selbst als ich Anfang der 70er-Jahre zu studieren anfing, war Reisen noch ein zartes Pflänzchen und eine ziemlich teure Angelegenheit, machbar gerade noch quer durch Marokko mit VW-Käfer und Zelt – für zwei Mädels nicht ganz ohne, aber erschwinglich. Manchmal wars allerdings ein bisschen unheimlich, z. B. ganz allein auf einem nicht eingezäunten Platz in Südmarokko, aber passiert ist uns zum Glück nichts. In den 1960- und 70er-Jahren suchte ich immer wieder nach Möglichkeiten, meine Reisen mit Geldverdienen zu verbinden – Trampen und Kellnern in London und England (ideal um Sprachkenntnisse zu vertiefen), später mindestens einmal im Jahr in mein geliebtes Rom, davor Arbeiten in Zermatt und anschließend bis Rom und Neapel im VW-Käfer und auf Campingplätzen unter freiem Himmel nächtigend. 

 

Das größte Abenteuer

waren die vier Monate Arbeit auf dem Frachter von Hapag Lloyd, der – mein Glück – noch alle asiatischen Häfen abgeklapperte: also Singapur, Hongkong, Philippinen, Penang, Taiwan, Kobe und Yokohama in Japan. Phuket war damals 1970 nur ein simpler Zinn- und Fischereihafen! Unterirdisch bezahlte Knochenarbeit, 11 Stunden täglich Servieren und Putzen. ABER eine Erfahrung und Lektion fürs Leben: Mit seinerzeit noch 54 Personen Schiffsbesatzung (heutzutage 12-14) und bis zu 8 Fahrgästen auf engem Raum auskommen  müssen und können – das geht, wenn man sich zurücknimmt und gut Kumpel sein kann. Ein absolutes Highlight andererseits, nach Feierabend die Weite des Indischen Ozeans zu erschnuppern, ringsum nur Wasser und Himmel, der sich allabendlich faszinierend färbt. Wie klein fühlt man sich da! Das Größte indes: die Metropolen Südost-Asiens noch in diesem Frühstadium 1970 kennengelernt zu haben und sie anlässlich zahlreicher, späterer beruflichen Reisen wachsen und rasant verändert erlebt zu haben, dies ist für mich eine irre Erfahrung. Heute steht in diesen Megacitys kaum mehr ein Stein auf dem anderen.

 

Gereist bin ich auf fast allen Reisen allein

auch auf meinem Dreimonate-Afrika-Trip nach dem Studium – durch Tansania-Sambia-Zimbabwe-Malawi-Kenia, wo möglich mit dem Zug, sonst per Anhalter. Ich liebe es, mit der Eisenbahn andere Länder zu erkunden. Die  von den Chinesen gebaute Tansam-Bahnroute von Tansania nach Sambia (wurde bald danach mangels Ersatzteilen eingestellt) war denn auch das anfängliche Hauptmotiv für diese Afrikareise. Allein reisen hat Vor- und Nachteile. Man ist unabhängig, kann die Route beliebig ändern – wie auf jener Reise (statt Uganda nach Zimbabwe und Malawi), vor allem ist man aber gezwungen, mit Einheimischen Kontakt aufzunehmen, was bereichernde Erfahrungen mit sich bringt und eine prima Gelegenheit ist, ein Land tiefer kennenzulernen. Ich hab immer ein paar Sprachbrocken gelernt, das kam gut an. Traveller-Unterkünfte habe ich eher gemieden (die gabs auch noch gar nicht), stattdessen CVJM-Hostels, einfachste Staatsherbergen und ähnliches. Manchmal lernt man unterwegs auch nette Leute kennen und reist dann ein Stück des Wegs zusammen.

Um mit gelegentlichen Ängsten umzugehen wie z. B. in Sambia hab ich mir ein inneres Drei-Stufen-Warnsystem zugelegt, Stufe 1 bedeutet wachsam sein und auf jedes Anzeichen zu achten, bei Stufe 3 höchstkonzentrierte Aufmerksamkeit, es schrillen alle Alarmsirenen und stehen auf „nichts wie weg, so schlau und schnell wie möglich“! Toi, toi, toi, das hat mich eigentlich ganz gut geschützt. Mir wurde in Afrika übrigens kein Haar gekrümmt. Aber ob ich heute noch so reisen würde? Viele Regionen in der Welt sind viel unsicherer geworden. 

 

Zu meiner zweiten Berufung Schreiben 

bin ich erst nach vielen Umwegen gekommen. Aber das Hören auf meine innere Stimme und einschlägige scheinbare Zufälle haben mich letztlich dahin geführt. Mein Glück, dass die Freie Universität Berlin, gerade ein einjähriges Anschlussstudium „Modellversuch-Tourismus“ für Hochschulabsolventen einführte, als ich gerade mein zweites Staatsexamen in Jura machte. Die Abschlussarbeit über Jamaica führte zur Mit-Redaktion am Sympathiemagazin Jamaica und zur Entdeckung meiner Schreibberufung.

So landete ich in einem Volontariat bei einer Fachzeitung für Geschäftsreisen, später schrieb ich viele Jahre als freie Journalistin für bekannte Magazine Reisereportagen, weltweite Stadtporträts, außerdem wunderbare Hotelgeschichten und vor allem über eines meiner Lieblingsthemen: Frauen auf Reisen, bei dem ich alle meine Erfahrungen weitergeben konnte. Soweit sich meine Themen um weibliche Geschäftsreisende rankten, hab ich umgekehrt vor allem die Hotelbranche und gehobene Gastronomie mit Stories aufgemischt wie mit „Das Damenprogramm geht selbst auf Reisen“ und die Versäumnisse und Fettnäpfchen aufgelistet gegenüber (teuer) selbstzahlenden weiblichen Gästen. Man stelle sich vor – selbst in den späteren 1980er-Jahren gabs keinen Stecker, allenfalls einen schwächelnden Föhn in den gehobenen Hotelbadezimmern, sodass die Business-Mädels sogar oft auf den Knien halb unterm Bett rumrutschen mussten, um einen Stecker zu finden .... 

 

Lieblingsgeschichten über Hotels

Beim Reisen war ich immer zweigeteilt – einerseits mein Thema Geschäftsreisen, das mich ernährte und vor allem in die großen Metropolen führte, oft in traumhaft schöne und interessante Hotels. Aus diesen entstanden viele meiner Lieblingsgeschichten  beispielswiese über historische Hotels mit ihrer faszinierenden Vergangenheit und schillernden Gäste von damals, über berühmte Kolonial- und Grandhotels, zuweilen auch über fantastische Traumresorts, Kunst- und Designhotels. So sehr ich die Atmosphäre in diesen Perlen der Hotellerie für einen Atemzug von 2-3 Tagen genießen durfte, sie waren nicht wirklich meine Welt. Ich war Zaungast, ich durfte von den bildschönen, Einrichtungen, von den kulinarischen Highlights nippen und den Augenschmaus in mich reinziehen, aber es ist mir immer leicht gefallen, mich dann ebenso schnell rauszuziehen und mich dem „realen Leben“ zuzuwenden: 

 

Reisen ist interkulturelles Lernen

Den Alltag in den besuchten Städten erleben, die kulturellen Unterschiede wahrnehmen und festzustellen, dass unsere Kultur nicht allein-seelig-machend ist, und was wir von anderen Kulturen lernen können – das hat mich auf Reisen immer am meisten interessiert. Mich in Hongkong beispielsweise vom Hotel mit der Metro in den hinteren Teil des Nachtmarkts zu katapultieren, wo man nur noch Einheimische findet und wo sich die Tische biegen von all den Fischen und exotischen Meeresfrüchten, die gleich dort  an verbeulten Blechtischen genussvoll verzehrt werden; daran anschließend dann mitten im Gewusel des Nachtmarkts mit in China studierenden deutschen Studenten bei einem lauwarmen Bierchen über deren Erfahrungen zu plaudern. Oder im deutschen Bierkeller in Hongkong dem Wehklagen frustrierter deutscher Geschäftsleute bzw. Expats zu lauschen, die sich von den chinesischen Geschäftspartnern über den Tisch gezogen fühlten. Dabei waren sie einfach nur sträflich schlecht vorbereitet auf die interkulturellen Unterschiede und haben keinen Fehler und kein Fettnäpfchen ausgelassen! Auch ich war leider nicht ganz frei von Fettnäpfchen, wie mich die Reisen gelehrt haben. Oder, wofür leider selten die Zeit war: Nach der Eröffnung eines Luxushotels in Bangkok mit dem Nachtzug 2. Klasse in Thailands Süden zu fahren, wo mir Mitreisende, Appetit aufs Mopedfahren auf Koh Samui machten. Gesagt, getan, Jahre später hab ich mit diesen schnellen, asiatisch kleinen Zweirädern auch Bali und Bermuda erkundet. Tolles Gefühl, volle Freiheit!

 

Leidenschaft für die Kochtöpfe anderer Länder

Die herrlichsten Reisen waren indes – bis auf zwei spektakuläre Ausnahmen in Kanada (von Calgary via Nationalparke Banff und Jasper bis Vancouver Island) und ein anderes Mal mit dem Zug quer durch Amerika (von New York über New Orleans, Texas, Arizona bis LA und San Diego) – meine privaten Reisen: nah am jeweiligen Land und seinen Bewohnern, sehr oft mit öffentlichen Verkehrsmitteln und haarsträubenden Busfahrten, schlichten Gästehäusern und köstlichen Streetfood-Genüssen. Wunderbar in die Kochtöpfe anderer Kulturen zu schauen und die Gerichte zu Hause nachzukochen, in Indien und Malaysia beispielsweise oder in Thailand. Bis heute koche ich leidenschaftlich gern asiatisch, so wie ich es dort kennengelernt habe. 

Manchmal hab ich mich irgendwo einfach in einen Bus gesetzt und mich treiben lassen. In Bangkok beispielsweise in einem öffentlichen Klongboot mit Einheimischen durch die Klongs bis zur Endstation, wo wirklich keiner mehr englisch sprach. Also bin ich dann einfach für die Rückfahrt sitzengeblieben. Tolle Impressionen! 

Um von den oberflächlichen Eindrücken der meist kurzen journalistischen Reisen wegzukommen und tiefer in die bereisten Destinationen einzusteigen, hab ich mit Freuden und viel Herzblut drei HB-Bildatlanten geschrieben, die mehr als Porträt über Land und Leute, denn als Reiseführer gedacht waren. Die ersten beiden 1989/90 über New York und über Hongkong, wegen der vielen Besuche fühlte ich mich dort wie zu Hause, danach dann Singapur & Malaysia, letzteres ein Land, das zwar nicht mit weltberühmten Sehenswürdigkeiten, dafür aber an kultureller, kulinarischer und landschaftlicher Vielfalt kaum zu toppen ist. 

 


 

Lieblingsdestination Asien 

Wenn mich einer nach meinen Lieblingsdestinationen fragt, dann gibt es nicht eine einzige. Aber Asien gehört sicher dazu: Neben Hongkong auch Bali, Nepal, Thailand und Indien natürlich. Auch Afrika habe ich lieben gelernt vor allem Malawi. Durch mein Tourismus-Aufbaustudium an der FU Berlin hatte ich das Glück Syrien kennenzulernen, bevor Assad diesen schrecklichen Krieg gegen sein eigenes Volk startete und der IS so wunderbare Städte wie Aleppo, Homs und Palmyra in Schutt und Asche legte. In Sri Lanka ist mir das erste Mal der Buddhismus begegnet, später hat es mich deshalb viele Male nach Thailand und Nepal gezogen.

Dank Ludmilla konnte ich meinen fünfzigsten Geburtstag mit einem ganz besonderen Reiseerlebnis krönen: Trekking auf dem Mount-Everest-Trek von Lukla über Namche Basar bis Kloster Tengboche (knapp 4000 m). Zusammen waren wir drei Mädels und 150 Jahre alt, aber Ludmilla war halb in Nepal zu Hause und die Strecke viele Male gelaufen. Dass ich das mit Übergewicht und nicht übermäßig sportlich und trotz Höhenangst und mindestens sechs Hängebrücken plus abgründigen Pfaden geschafft habe, grenzt für mich heute immer noch an ein Wunder. Ich denke, in diesem Fall war es einfach der Kopf, der entschieden hatte, das nie zu bezweifeln, obwohl der steile Anstieg vor Namche Bazar selbst trainierten Leuten reichlich Puste abfordert. Das Hochgefühl, als ich oben in Tengboche ankam, war unbeschreiblich. Die Belohnung für die Mühen, um 5 Uhr morgens zeigte sich der Mount Everest in der Ferne, bevor er wieder in den Wolken verschwand. Und fünf Stunden später gabs vom Abt des Klosters noch den Segen zum Geburtstag. Von solchen Erinnerungen zehrt man ein Leben lang.

 





Als Chefredakteurin zu Hause in den Metropolen der Welt

Da es immer schwieriger wurde und wird als freie Journalistin und Autorin von schönen Reisegeschichten zu überleben, hab ich Anfang der 90er-Jahre mit Freude die Herausforderung angenommen, als Chefredakteurin in Hamburg die deutsche Ausgabe von Business Traveller zu etablieren und zum Erfolg zu führen, was wiederum mit unzähligen (Kurz-)Reisen in meine Lieblingsmetropolen in USA und Asien verbunden war, aber mir auch einen interessanten Einstieg in landestypische (Business-)Kultur und Etikette ermöglichte. Acht Jahre waren dann genug. Leichten Herzens hab ich mich im Jahr 2000 von Business Traveller und dem Thema Geschäftsreisen verabschiedet. Mit dem Internet veränderte sich aber auch die herkömmliche Reisejournalismus-Landschaft, jeder wollte auf den Zug aufsteigen, klassischer Reisejournalismus wurde ausgedünnt und immer stärker durch kommerzialisierte Reiseberichte abgelöst. Ich erweiterte meine Schreib-Leidenschaft und betätigte mich bis zu meinem Abschied aus Hamburg als empathische Texterin für Firmennewsletter, Websites, PR-Texte und Kursleiterin für Business-Texte vor allem für Start-ups. 

 

Bodensee und Italien

2009 packte ich meine Sachen in Hamburg und zog an den Bodensee. Kaum dort, holte mich meine wahre Berufung wieder ein, nun aber mit beiden Leidenschaften: Reisen  und Schreiben – heute für zwei Bodensee-Magazine: „akzent“ und  „Seezunge“. Auch nach elf Jahren gibt es hier noch so viel Neues zu entdecken, zu sehen, zu genießen, dass ich immer noch jeden Tag sagen kann „Ich bin verliebt in den Bodensee“. Ich schreibe über Gastronomie, gesunde Produkte, Weine und Winzer rund um den See, freue mich über die abwechslungsreiche Landschaft ebenso wie über Kunst und Kultur in der Vierländerregion Bodensee (Liechtenstein wird auch dazu gezählt). Zwischendurch eile ich in mein geliebtes Italien, das nun erfreulicherweise viel näher gerückt ist. Weitere Reisen muss ich mir im Moment verkneifen, weil meine fast 14-jährige Fellnase Schoko das leider nicht mehr durchhält. Alle genussvollen Entdeckungen am Bodensee hab ich in meinem Reiseführer „Polyglott on Tour Bodensee“ zusammengefasst, der im Juli 2019 erschienen ist. Auch mein Polyglott-Reiseführer „Gardasee“ (2018) enthält ebenfalls jede Menge Insider-Tipps, er beschreibt wie sein Bodensee-Pendant auch Weingebiete und Genussadressen am See und führt auch zu versteckten Schätzen abseits der Touristenpfade. 

 

Spannende Reiseeindrücke in meinem neuen Blog

Corona sei Dank, hab ich nun die Zeit, um in die sozialen Medien einzusteigen. Peu à peu, werde ich hier meine Fotoflut, Erfahrungen und Tipps in spannende kleine Features verpacken. Die Fotos der Vor-Internet-Zeit gibt es leider fast nur als Dias und ich hab zu wenig Zeit, um aus den rund 50.000 Dias passende Sets zusammenzustellen und zu digitalisieren. Aber auch nach dem Sesshaftwerden am Bodensee sind viele reizvolle Fotomotive entstanden, neben Bodensee vor allem aus der Schweiz und vielen Regionen Italiens, die ich hier und auch auf Pinterest vorstellen möchte. Wer mir dabei tatkräftig oder mit Tipps helfen will, vor allem mit den für mich vertrackten technischen Voraussetzungen, ist hier sehr herzlich willkommen.